Waldorfschulen wehren sich: Fakten gegen Fake News

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Hamburg, 22. Dezember 2021 (CF/NA): „Es reicht!“ Die Sprecherin des Bundes der Freien Waldorfschulen über die aktuelle Welle von Falschmeldungen über Waldorfschulen und Anthroposophie, über Waldorfschulen als vermeintliche Sündenböcke – und wie die Fakten wirklich aussehen.

„Abenteuerlich und an den Haaren herbeigezogen!“ so kommentiert Nele Auschra vom Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) die Nachrichten, die seit Monaten über Waldorfschulen und Anthroposophie durch die überregionalen Medien geistern. Im Interview klärt sie über falsche Tatsachenbehauptungen der Waldorf-Angreifer auf.

Frau Auschra, warum plötzlich diese Welle von Anti-Waldorf-Angriffen?
Auschra: Ich denke, das hängt mit der Diskussion um Corona und der Schwierigkeit der Gesellschaft im Umgang mit einer derart komplexen Pandemie zusammen. Der Idee der Anthroposophie wird fälschlicherweise das Etikett „Impfgegner“ umgehängt. Und dann hat man ganz schnell einen billigen Sündenbock für niedrige Impfraten.

Frage: Wie stehen denn Waldorfschule und Anthroposophie zum Impfen?
Auschra: Im Durchschnitt genauso wie die bundesdeutsche Bevölkerung. Die große Mehrheit der Lehrerkräfte in Waldorfschulen ist geimpft. So vermeldet eine Bremer Waldorfschule zum Beispiel eine Impfrate von 91 Prozent im Kollegium. In anderen Schulen wurde extra der Impfbus bestellt, sie wurden zu Impfzentren sogar für die Bevölkerung außerhalb der Schule. Wie auch in der Gesamtbevölkerung finden sich aber natürlich auch an unseren Schulen Menschen, die die Maßnahmen kritisch beurteilen.

Frage: Aber es gibt doch Stimmen, die sich gegen das Impfen aussprechen.
Auschra: Ja die gibt es – wie überall in der Gesellschaft. Dass diese Stimmen in einigen wenigen unserer insgesamt 254 Schulen lautstark sind, registrieren wir als BdFWS mit Befremden und Bedauern. Sie dominieren das Gesamtbild und machen die Vielfalt der Schulen und der Waldorfschul-Idee unsichtbar. Uns ist klar, dass wir hier eine Aufgabe haben.

Frage: Rudolf Steiner, Gründer der Anthroposophie, wird in den Angriffen gerne als Impfgegner bezeichnet.
Auschra: Das ist schlicht falsch. Aus seinen Vorträgen und Werken ist keine Festlegung auf eine Impfgegnerschaft herauszulesen, im Gegenteil, er lehnte Widerstand gegen das Impfen ab. Er pflegte und empfahl einen pragmatischen Umgang damit und hat sich selbst – und auch von ihm betreute Kinder – zum Beispiel gegen Pocken impfen lassen. Entscheidend ist doch: BdFWS hat sich schon lange wiederholt und nachdrücklich in mehreren Erklärungen für die Einhaltung der Pandemiemaßnahmen ausgesprochen und den Beitrag der Corona-Schutzimpfungen zur Eindämmung der Pandemie hervorgehoben. Wir haben gegen einen Blogger, der uns entgegen diesen Tatsachen in die Ecke der Impfgegner stellen wollte, gerade eine Abmahnung gerichtet und beabsichtigen eine gerichtliche Klärung.

Frage: Und wie steht es mit den Rassismus-Vorwürfen?
Auschra: Bereits in den 1990er Jahren hat eine Kommission unter Leitung des Menschenrechtsexperten Dr. Th. A. van Baarda das Gesamtwerk Rudolf Steiners auf diskriminierende Äußerungen durchsucht. Sie ist in den etwa 89.000 Seiten auf 16 Zitate gestoßen, in denen z.B. Stereotype verschriftlicht wurden, die inakzeptabel sind und der Grundhaltung der Anthroposophie zuwiderlaufen. Denn Steiners Vorschlag zur Antwort auf die soziale Frage war ein zutiefst humaner, nämlich die Überwindung aller Nationalismen und die Verwirklichung eines allgemein menschlichen Miteinanders. Mit den genannten 16 Zitaten und Passagen wird heute nun der Rassismus-Vorwurf gegen die gesamte Idee der Waldorfschulen begründet. Das ist erstens lächerlich und zudem eine falsche Darstellung. Denn schon in der sogenannten Stuttgarter Erklärung aus den Jahren 2007 und darauf folgend haben sich Waldorfschulen explizit von solchen Äußerungen Steiners distanziert. Sie dulden diskriminierende Tendenzen in ihren Einrichtungen nicht und wehren sich gegen rassistische und nationalistische Vereinnahmungen. In einem Fall einer solchen falschen Darstellung erwägen wir eine Klage – die Journalistin hatte wohl beim Recherchieren diese und zahlreiche andere Quellen einfach nicht berücksichtigt.

Frage: Auch die Rolle der Waldorfschulen in der NS-Zeit wird gerne herangezogen, um Waldorfschulen in eine rechte Ecke zu stellen…
Auschra: …was aber nicht den Tatsachen entspricht. Denn während der Zeit des Nationalsozialismus wurden im Deutschen Reich Waldorfschulen unterdrückt und schließlich geschlossen – wenn die Schulen den Betrieb nicht schon selbst eingestellt hatten. 1935 wurde die Anthroposophische Gesellschaft verboten. Wer versucht, damals oder heute den Waldorfschulen Nähe zu rechtsextremen Tendenzen zu unterstellen, ignoriert die Fakten. Klar gab es, wie überall auch, einige wenige Kollaborateure mit dem Nazi-Regime. Diese Schuldgeschichte wurde und wird aktuell aufgearbeitet.

Frage: Warum werden Waldorfschule und Anthroposophie zurzeit so häufig in den Kontext der Impfgegner gestellt?
Auschra: Das müssen Sie diejenigen fragen, die das tun. Es sind übrigens immer wieder dieselben Handelnden, ein relativ kleiner Kreis – und Journalisten schreiben leider allzu oft solche falschen Darstellungen ab. Zu den Motiven kann ich nur mutmaßen. Wir wissen, dass es sich bei den Urhebern solcher Äußerungen zum Teil um Menschen handelt, die meinen, schlechte Erfahrungen mit einer anthroposophischen Einrichtung, etwa einer Klinik, gemacht zu haben. Und auch, wenn in einer Studie unter Waldorfschul-Absolventen Anfang des Jahres festgestellt wurde, dass neun von zehn Ehemaligen wieder eine Waldorfschule besuchen würden – es gibt selbstverständlich Menschen, die keine guten Erfahrungen in ihrer Schulzeit gemacht haben, was ihre heutige Einstellung dazu mitprägt. Häufig gehen Menschen aus solchen persönlichen Gründen ihrem Eiferertum gegen die Anthroposophie nach. Und da scheint dann kein Argument mehr absurd genug zu sein.

Frage: Welche Rolle spielt da eine Studie wie die vielzitierte von Nachtwey und Frei?
Auschra: Eine unheilvolle. Denn dies ist keine repräsentative Studie – wie auch die Autoren selbst betonen. Die Aussagen fußen auf gerade mal acht (!) Interviews. Unangemessen finde ich zudem, dass die herangezogene Hintergrundliteratur völlig einseitig ist – auch dies ein Fakt, den die Autoren selbst festhalten. Insgesamt eine absurde Basis für eine so genannte wissenschaftliche Untersuchung. Dennoch wurden die Aussagen dieser ersten Exploration in der Presse wie allgemeingültige Ergebnisse wiedergegeben – was journalistisch unredlich ist. Das muss man den Bürgern sagen!

Frage: Wie werden Sie weiter mit diesen Anschuldigungen umgehen?
Auschra: Deutlicher als bisher. Anfangs haben uns solche Angriffe irritiert, aber wir haben nicht reagiert. Damit ist jetzt Schluss. Es wird immer deutlicher, dass hier einige Leute eine Kampagne gegen die Waldorfschulen und gegen die Idee der Anthroposophie vom Zaun zu brechen versuchen. Da dies zunehmend mit Fake News und falschen Tatsachenbehauptungen geschieht, werden wir nicht zögern, solche Lügen zu entlarven.

Das Interview führte Matthias Niedermann

Bund der Freien Waldorfschulen e.V. 
Die derzeit 254 deutschen Waldorfschulen haben sich zum Bund der Freien Waldorfschulen e.V. (BdFWS) mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen, wo 1919 die erste Waldorfschule eröffnet wurde. In Deutschland besuchen 90.400 Schüler:innen eine Waldorfschule. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. Siehe auch waldorfschule.de.

Kontakt: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bund der Freien Waldorfschulen e.V.
pr@waldorfschule.de

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